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Wenig bekannte Seiten des Widerstands
Sergej Tschachotin
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Wissenschaftler

Sergej Tschachotin

Der Visionär

Geboren
13.10.1883
Gestorben
25.12.1973
Der Sohn eines russischen Diplomaten und einer griechischen Mutter war überzeugt, als Naturforscher und durch politisches Engagement der Evolution und dem gesellschaftlichen Fortschritt zu dienen. Seine frühe Erfindung, eine Art Proto-Laser, beförderte die mikrobiologische und medizinische Forschung. In Heidelberg, wo der staatenlose, polyglotte Wissenschaftler lebte und arbeitete, entwarf er das Dreipfeil-Symbol und machte damit Wahlkampf zur Verteidigung der Republik. Im französischen Exil erschien 1939 seine bahnbrechende Studie über Adolf Hitlers Massenverführung.

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Historische Aufnahmen und Dokumente

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Historischer Kontext

Als Kind lebte Sergej Tschachotin in Konstantinopel, Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Sein Vater arbeitete dort als Dolmetscher an der russischen Botschaft. Das Gymnasium in Odessa, im Russischen Reich, schloss er 1900 mit einer Goldmedaille ab. Sergej begann sein Medizinstudium in Moskau. Als er 1902 bei revolutionären Protesten, die vom Zaren eine Verfassung verlangten, verhaftet wurde, verhinderte der Vater, bereits Diplomat auf dem Balkan, eine Verbannung nach Sibirien.

Sergej Tschachotin konnte sein Medizinstudium in Deutschland fortsetzen. An den Universitäten München und Heidelberg studierte er unter anderem bei Nobelpreisträger Konrad Röntgen, dessen Methode zur Sichtbarmachung des Körperinneren durch Strahlung ihn faszinierte. Für seine Heidelberger Doktorarbeit über das Gleichgewichtsorgan von Meerschnecken forschte Sergej Tschachotin am Labor für Meeresbiologie im süditalienischen Messina. Er nimmt den Ruf an den Lehrstuhl für experimentelle Pharmakologie der dortigen Universität an, wird aber beim Erdbeben von Messina am 28. Dezember 1908 verschüttet. Nach der glücklichen Rettung hatte der Mikrobiologe eine Eingebung: Man könnte doch, anstelle des Skalpells, mit gebündeltem Licht operieren! Eine funktionstüchtige Apparatur dieses neuartigen Lichtskalpells, das Manipulationen an Zellen ermöglichte, konstruierte er anschließend in Heidelberg.

Der berühmte russische Arzt und Verhaltensforscher Iwan Pawlow hörte davon und holte ihn 1912 als Assistent an sein Physiologisches Laboratorium der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Sankt Petersburg. Im Ersten Weltkrieg initiierte Sergej Tschachotin ein Komitee für Militärtechnische Hilfe und benutzte Pawlows Erkenntnisse zum bedingten Reflex erstmals auch zu Propagandazwecken. Im russischen Bürgerkrieg schlug er sich auf die Seite der Weißen. Generele Anton Denikin und Pjotr Krasnow, die die Freiwilligenarmee leiteten, verwendeten seine Expertise zur Abwehr bolschewistischer Agitation.

Sergej Tschachotin ging 1919 wieder ins Exil. Er fand in Frankreich Arbeit als Biologe und erhielt 1921 sogar eine Professur in Jugoslawien. Dann die politische Kehrtwende: 1920 bekannte er sich öffentlich zur Sowjetmacht und unterstützte die Heimkehrer-Bewegung „Smena vech“, die Emigranten zur Kooperation mit Moskau aufforderte. Es zog ihn nach Berlin, wo er als politischer Publizist wirkte. Dann vertiefte er sich, offenkundig gleichfalls im sowjetischen Auftrag, in Organisationstheorie. Sergej Tschachotin profilierte sich als Experte für Rationalisierung in Staat, Wirtschaft und Handel. Sein Spezialgebiet waren biologische Forschungsinstitute.

Im hypermodernen Neubau des Kaiser-Wilhelm-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg fand er 1930 ideale Bedingungen vor, um seine Forschung zur Mikromanipulation fortzusetzen. Ein amerikanisches Dreijahres-Stipendium, vermittelt durch Albert Einstein, bot sich als Sprungbrett in die Spitzenforschung an. Im letzten Förderjahr exponierte sich Sergej Tschachotin indessen politisch als Gegner der NSDAP. Die Wahlerfolge des deutschen Faschismus und dessen avancierte Propagandamethoden erfüllten ihn mit Sorge. Ein durchgestrichenes Hakenkreuz auf seinem Arbeitsweg regte seine Gegenkampagne an.

Mit dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Carlo Mierendorf entwarf er den „Dreipfeil", ein Piktogramm für Strahlung als politisches Symbol. Als Emblem der „Eisernen Front", einer Allianz zur Verteidigung der Republik unter Einschluß von Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und Gewerkschaften, fand es republikweit Verbreitung. Tschachotin ersann auch Slogans und Choreographien für Demonstrationen. Ein Filmausschnitt zeigt ihn bei einem solchen Aufmarsch. Auf einem Banner im Hintergrund sind der Dreipfeil neben Hammer und Sichel zu sehen. Hier scheint die deutsche Linke vereint, während Sozialdemokratische Partei Deutschlands und Kommunistische Partei Deutschlands sich ansonsten bekämpften, statt den Sieg der Nazis gemeinsam zu verhindern.

Nach dem 30. Januar wurden Sergej Tschachotins Wohnung und Labor durchsucht. Im April 1933 erfolgte der Rauswurf durch die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die explizit sein politisches Engagement verurteilte. Er floh vor politischer Verfolgung nach Dänemark, wo er mit dem Versuch scheiterte, die dortige Sozialdemokratie für Propagandazwecke einzuspannen. Eine politische Heimat fand Sergej Tschachotin in Paris unter der Volksfront-Regierung. Er schloss sich der radikalen Linken an und beriet den Gewerkschaftsführer Marcel Pivert, dessen Organisation seinen Dreipfeil als Erkennungszeichen adoptierte.

Um Adolf Hitler durchsichtig zu machen und die Verführungstechnik offenzulegen, die alle Demokratien bedroht, schrieb er das Buch „Le Viol des Foules par la Propaganda politique“, gewidmet dem Andenken der Französischen Revolution. Es kam 1939 in Paris heraus, wurde nach Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Mai 1940 aber gleich eingezogen. In London und New York erschienen im selben Jahr englischsprachige Ausgaben. Sergej Tschachotin wurde interniert, kam nach Intervention deutscher Wissenschaftler jedoch sieben Monate später wieder frei.

Sein Hauptwerk und die politische Vita des Gelehrten waren der Gefängnisleitung wohl unbekannt.

Nach der Befreiung unterstützte der politische Aktivist die internationale Wissenschaftler-Initiative „Science – Action – Liberation“ gegen einen drohenden Dritten Weltkrieg. Sergej Tschachotin entwarf auch deren Logo: eine durchkreuzte Bombe. 1954 zog er nach Italien, forschte in Genua und Rom in Instituten für experimentelle Pharmakologie, zuletzt auch am Höheren Institut für Gesundheit.

In der sogenannten Tauwetter-Periode, als Nikita Chruschtschow sowjetischer Regierungschef war, wagte Sergej Tschachotin einen weiteren Neuanfang und übersiedelte in die Sowjetunion. Dort wurde ihm die Leitung von Einrichtungen der Akademie der Wissenschaften anvertraut: 1960 das Speziallabor für Mikro-Strahlen-Chirurgie und 1967 das Institut für Entwicklungsbiologie, beide in Moskau. Hochbetagt wirkte er noch als wissenschaftlicher Berater. Sergej Tschachotin wurde 90 Jahre alt.

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