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Wenig bekannte Seiten des Widerstands
Liane Berkowitz
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Widerstandskämpferin

Liane Berkowitz

Die Unbeugsame

Geboren
8.8.1923
Gestorben
5.8.1943
Nach Aufdeckung des Widerstands-Netzwerkes um Harro Schulze-Boysen wurde im September 1942 auch die 19-jährige Berlinerin Liane Berkowitz verhaftet. Ihre Briefe aus der Haft bezeugen Intelligenz und Willensstärke. Das Schicksal dieser jungen Frau und Mutter war besiegelt, als Adolf Hitler ihr Gnadengesuch zurückwies.

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Historische Aufnahmen und Dokumente

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Historischer Kontext

Nach Aufdeckung des Widerstands-Netzwerkes um Harro Schulze-Boysen, das die nationalsozialistischen Verfolger „Rote Kapelle“ nannten, um die vermeintliche kommunistische Gesinnung und Einbindung aller Verhafteten in einen sowjetischen Spionagering herauszustellen, wurde im September 1942 auch die 19-jährige Berlinerin Liane Berkowitz verhaftet. Sie war mit Schulze-Boysen wohl persönlich bekannt, einige ihrer Freunde, die ebenfalls verhaftet wurden, betätigten sich in dessen Auftrag nachrichtendienstlich. Das ganze Ausmaß ihrer eigenen Beteiligung an Widerstandsaktivitäten bleibt unklar. Ihre Briefe aus der Haft bezeugen Intelligenz und Willensstärke, ebenso wie soziales Denken und Demut. Sie enthalten ein klares Bekenntnis zum orthodoxen Glauben. Das Schicksal dieser jungen Frau und Mutter war besiegelt, als Adolf Hitler ihr Gnadengesuch zurückwies.

Nach heutigem Kenntnisstand kam Liane Berkowitz als Tochter eines russisch-jüdischen Paares am 7. August 1923 in Berlin zur Welt. Ihre Mutter war Katarina Jewsejenko, verheiratete Wasiljewa, eine Gesangslehrerin und frühere Opernsängerin. Sie lebte getrennt von ihrem Ehemann, seinerzeit Lianes amtlicher Vater. Deren leiblicher Vater, Hirsch Henry Berkowitz, war Geschäftsmann aus Riga und besaß einen lettischen Pass. Katarina hatte ihm geholfen, Brillanten zu schmuggeln. Das bei ihrer Flucht aus der Sowjetunion 1923 gerettete Kapital legte Berkowitz in Immobilien an. Liane wuchs im vornehmen Berliner Westen auf. Ihr Vater besaß mehrere Häuser, verlagerte seine Geschäfte nach 1933 aber zunehmend nach London. Zuvor adoptierte er Liane, was 1933 in ihre Geburtsurkunde eingetragen wurde. Die Heranwachsende war damit erbberechtigt. Lianes Eltern heirateten 1938 in Berlin, ließen sich jedoch 1939 in Riga gleich wieder scheiden. Ihr Arrangement sicherte den Unterhalt beider Frauen und rettete wohl auch den Berliner Immobilienbesitz der Firma Berkowitz, als dieser sich gezwungen sah, Deutschland zu verlassen.

Lianes Freundeskreis

In Berlin aufgewachsen und hier eingeschult, wurde Liane von ihrem Vater auf ein Internat in die Schweiz geschickt. Die Mutter holte sie zurück, und spätestens seit 1938 wohnten beide am Viktoria-Luise-Platz 1. Mit Katarina Wasiljewna besuchte Liane Gottesdienste in der russisch-orthodoxen Gemeinde Hl. Wladimir in der Nachodstraße. Etwa seit Mitte der 1930er Jahre ersetzte sie ihren russischen Geburtsnamen Liana durch die deutsche Namensform Liane. An der Abendschule von Dr. Wilhelm Heil in der Augsburger Straße, wo sie sich ab 1941 auf das Abitur vorbereitete, traf sie gleichgesinnte Deutsche unterschiedlicher Herkunft. Es war der Freundeskreis um Eva und John Rittmeister, dem unter anderem Ursula Goetze, Otto Gollnow, Fritz Thiel und der Schlosser Friedrich Rehmer angehörten. Die jungen Leute verbrachten auch ihre Freizeit zusammen und lernten einander näher kennen. Liane verliebte sich in Rehmer, die beiden wurden ein Paar.

John Rittmeister sorgte für die regimekritische Ausrichtung; Kontakte zum Netzwerk von Harro Schulze-Boysens wurden geknüpft. Vor Gericht hieß es, Liane habe sich vor Freunden als „Erzkommunistin“ zu erkennen gegeben – eine fragwürdige Behauptung. Prof. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, kommt in seiner Monografie von 2022 nach Sichtung aller Quellen zu einer vorsichtigen Einschätzung: „Wir wissen nur wenig über das politische Denken von Liane Berkowitz, doch einiges über ihre Aktivitäten gegen das nationalsozialistische Regime.

Zettelklebe-Aktion am Ku´damm

Am 17. Mai 1942, einem Sonntagabend, klebte Liane Berkowitz mit Otto Gollnow am Kurfürstendamm etwa einhundert Zettel, auf denen zu lesen stand: „Ständige Ausstellung – Das Naziparadies – Krieg – Hunger – Lüge – Gestapo – Wie lange noch?“. Harro Schulze-Boysen und Fritz Thiel, ein Freund von Liane Berkowitz, hatten die Aktion initiiert; in ganz Berlin wurden rund eintausend Zettel verteilt. Das war ein ironischer Protest gegen die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Lustgarten am Berliner Schloss, die den Krieg rechtfertigen sollte. Tags darauf am Folgetag verübte die jüdisch-kommunistische Herbert-Baum-Gruppe einen Brandanschlag auf das Ausstellungsgebäude. SS-Chef Heinrich Himmler ließ daraufhin 500 jüdische Berliner verhaften und viele von ihnen mit jüdischen Häftlingen, insgesamt 250 Personen, noch im Mai im Konzentrationslager Sachsenhausen ermorden.

Liane Berkowitz wurde am 26. September 1942 verhaftet. Sie war mittlerweile mit Friedrich Rehmer (gennant „Remus“) verlobt und von ihm schwanger. Nach Vernehmung durch die Gestapo wartete sie im Frauengefängnis des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz auf ihren Prozess. Sie bekam Post und Pakete von ihrer Mutter, auch Ikonen, womit sie eine Ecke ihrer Zelle schmückte. Eine Wachtmeisterin unterstützte sie und andere Frauen der „Roten Kapelle“. Mitte Januar 1943 verurteilte das Reichskriegsgericht in Berlin Liane Berkowitz, ihren Freund und weitere Angeklagte „wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung“ zum Tode. Vor Gericht hatte sie die Beteiligung an der Klebeaktion eingeräumt. Was sie nicht wusste: ein neues Gesetz vom November 1942 ließ bei schwerem Landesverrat rückwirkend die Höchststrafe zu!

Briefe aus der Haft

Die Briefe von Liane Berkowitz an ihre Mutter Katarina, heute im Besitz der Gedenkstätte Yad Vashem, vermitteln Not und Verzweiflung, doch auch die lebensbejahende Kraft der Neunzehnjährigen. Sie versprach ihrem Freund, das Kind zur Welt zu bringen und verlangte von ihrer Mutter, für das Enkelkind am Leben zu bleiben. Es sollte auf ihren Wunsch nach russisch-orthodoxem Ritus getauft werden. Zur Geburt wird die Hochschwangere ins nahe Frauengefängnis Barnimstraße verlegt. Dort bringt sie am 12. April 1943 ihre Tochter Irene zur Welt. Ihr Verlobter erfährt dies noch, bevor er am 13. Mai hingerichtet wird. Sie selbst gab die Hoffnung nicht auf, zumal der Senatspräsident für die Aufhebung ihres Urteils plädierte, Reichsmarschall Hermann Göring sich für eine Begnadigung aussprach, ebenso im Juni der Präsident des Reichskriegsgerichts.

Opfer der NS-Justiz

Mit seiner Unterschrift lehnte Adolf Hitler am 21. Juli 1943 das Gnadengesuch von 17 Mitgliedern der Berliner „Roten Kapelle“ ab. Der Oberreichskriegsanwalt erkundigte sich bei der Gestapo, ob die Verurteilte noch gebraucht werde. War den Juristen das Justizverbrechen bewusst, an dem sie eine Mitschuld trugen? Am 5. August 1943 wurde Liane Berkowitz ins Strafgefängnis Plötzensee gebracht und am frühen Abend mit dem Fallbeil ermordet. In den Stunden vor ihrer Hinrichtung schrieb sie im Abschiedsbrief an ihre Mutter: „Ich bin ruhig und gefaßt und fürchte mich nicht vor dem Tode.“ Der katholische Gefängnisgeistliche, von dem sie die Kommunion erhielt (ein orthodoxer Priester war nicht zugelassen), hat dies bestätigt. Anfang Oktober verstarb auch die kleine Tochter, die Liane Berkowitz ihrer Mutter übergegeben hatte, in einem staatlichen Krankenhaus unter ungeklärten Umständen.

Rezeption und Rehabilitation

Die Erinnerung an den Widerstand von Liane Berkowitz wurde im geteilten Berlin in Ost und West wachgehalten. Ihr Name steht auf einem Denkmal Berlin-Mitte, Unter den Linden, das 1976 im rückwärtigen Garten der Humboldt-Universität errichtet wurde und an Universitätsangehörige erinnern sollte, die „im Kampf gegen den Hitlerfaschismus“ gefallen sind. Vermutlich wurde sie als Mitglied der „Roten Kapelle“ hier angeführt. Ihr Fall wird seit 1986 in der Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand vorgestellt, die alle Widerstandsaktivitäten im Dritten Reich zu würdigen sucht. Seit der Wiedervereinigung kam eine Gedenktafel am Viktoria-Luise-Platz im Jahre 1997 dazu; in Berlin-Friedenau wurde 2000 ein Platz nach ihr benannt. Das Todesurteil der NS-Justiz wurde mit großer Verspätung erst 1998 aufgehoben.

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