Familie Timofejew-Resowski
Die Beschützer
Fotogalerie
Historische Aufnahmen und Dokumente














Historischer Kontext
Aufgewachsen im Moskauer Arbat-Viertel in wohlhabenden, kinderreichen Familien, die miteinander bekannt waren, lernten Nikolai und Jelena sich während des Studiums an der Moskauer Universität näher kennen und heirateten 1922. Als Schüler von Nikolai Kolzow, eines Begründers der Mikrobiologie, forschten sie an dessen „Institut für experimentelle Biologie“. Am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin von Oskar Vogt, der mit Moskau kooperierte, bauten beide Timofejew-Resowskis eine entsprechende Abteilung auf und experimentierten dort an der Zuchtfliege Drosophilia. Seit 1930 lebten und arbeiteten sie in Berlin-Buch. Ihre Forschungsergebnisse machten das Paar international bekannt. Nach Moskauer Vorbild etablierten beide am Institut ein Seminar für interdisziplinären Austausch mit in- und ausländischen Wissenschaftlern. 1938 wurde Nikolai Timofejew-Resowski, ein Sowjetbürger ohne Studienabschluss, Promotion und Professorentitel, Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften.
Eine Rückkehr in die Heimat lehnten Nikolai und Jelena Timofejew-Resowski 1937 ab, genauso wie ein lukratives Angebot aus den USA und die deutsche Staatsbürgerschaft. Fortschritte in der genetischen Forschung, in der Sowjetunion durch Lyssenko behindert, waren in Berlin möglich, wo hochspezialisierte Mitarbeiter und avancierte Technik bis hin zu einem Neutronenbeschleuniger der Auer-Gesellschaft zur Verfügung standen. Jelena und Nikolai gaben sich unpolitisch, riskierten aber doch Kopf und Kragen, als es darauf ankam, Kollegen außer Gefahr zu bringen und Verfolgten zu helfen, die in Berlin-Buch auftauchten, weil ihnen die Adresse empfohlen worden war. Bezeugt sind geschickte Arrangements für Personen jüdischer Herkunft, die mit falschen Papieren eingestellt, in anderen Abteilungen des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung oder Partnerinstituten untergebracht wurden. Jelena soll 1940 eine französische Jüdin als „Achteljüdin" im Labor angestellt haben. Nikolai holte den kriegsgefangenen Offizier Charles Perou, einen Physiker, unter dem Vorwand aus dem Konzentrationslager, er brauche ihn als Übersetzer für Texte zur Atomforschung. Der russische Schriftsteller Daniil Granin, dessen Roman „Sie nannten ihn Ur" über das abenteuerliche Leben dieser Familie 1987 erschien, führt eine ganze Liste der von ihnen Geretteten an.
Ihr ältester Sohn Dmitri, genannt Foma, sollte nach dem Wunsch des Vaters Wissenschaftler werden. Im März 1943 machte er nach einem Wiederholungsjahr sein Abitur, im Mai wurde er als Student der Zoologie an der Berliner Universität immatrikuliert. Schon seit 1942 war der temperamentvolle junge Mann im Untergrund aktiv, was seine schulischen Probleme erklären könnte und den Eindruck eines deutschen Schulkameraden, der ihn als still, verschlossen, wie abwesend beschrieb. Nach Daniil Granin gehörte Foma dem „Berliner Komitee der Partei der Bolschewiki" an, das der sowjetische Geheimagent Nikolai Buschmanow leitete. Es bestand aus kriegsgefangenen Offizieren und Soldaten der Roten Armee, die südlich von Berlin für die kollaborierende Russische Befreiungsarmee des ehemaligen sowjetischen Generals Andrei Wlassow ausgebildet wurden. Die Leiter standen mit sowjetischen Stellen in Kontakt und druckten propagandistische Flugblätter, die über das Frontgeschehen informierten. Ziel war, die Moral der Landsleute in der Fremde zu heben. Foma sprach mehrere Sprachen, was ihn als Vermittler empfahl. In einem Ausbesserungswerk der Reichsbahn in Berlin-Grunewald fand er einen russischen Vorarbeiter, der ihm Flugblätter abnahm und im Betrieb verteilte, Gleichgesinnte auch zur Sabotage animierte. Nach russischen Zeugnissen wurde Foma in die Leitung des Komitees aufgenommen, das Verbindung zu tschechischen, polnischen und französischen Widerstandszellen besaß. Auch die später bekannte Fotografin Eva Kemlein wird genannt, die als Jüdin in Berlin untergetaucht war; sie sei an der Herstellung der Flugblätter beteiligt gewesen. Im Elternhaus in Berlin-Buch stellte Foma nach vorliegenden Informationen selbst Abzüge auf Zigarettenpapier an, indem er die ausgehängte Glastür des Kleiderschranks nutzte. Soweit bekannt, sind keine Exemplare davon erhalten. Unseres Wissens gibt es keine deutsche Untersuchung zu diesem Widerstandskomplex. Weitere Forschung wäre wünschenswert.
Am 30. Juni 1943 wurde Dmitri Timofejew-Resowski auf dem Gelände des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung in Berlin-Buch von der Gestapo verhaftet. Ein Mitbewohner im Haus der Familie hatte die Gruppe verraten! Etwa 200 Verhaftungen folgten. Foma war kurzfristig gewarnt worden, aber nicht untergetaucht, um seine Eltern und deren Einrichtung zu schützen. Drei Monate behielt ihn die Gestapo zur Vernehmung in der Prinz-Albrecht-Straße. Dort wurde er, wie ein Mithäftling berichtete, offensichtlich auch geschlagen. Alle Berichte beteuern, er habe sich tapfer gehalten und niemand belastet. Seine Akte wurde nicht gefunden. Doch sind die weiteren Stationen seines Leidensweges bekannt. Foma kam dann ins Polizeigefängnis am Alexanderplatz. Seine Eltern, die unbehelligt blieben, schickten Pakete und wechselten Briefe mit ihm. Der Vater wandte sich an höhere Stellen, gewann namhafte Wissenschaftler wie den Physiker Werner Heisenberg als Fürsprecher. Er schrieb auch an Parteivertreter und die SS. Ob überhaupt Anklage erhoben und ein Urteil gefällt wurde, ist nicht bekannt. Die mehr als einjährige Haftdauer könnte auf Verhandlungen deuten. Nikolai Timofejew-Resowski soll den Vorschlag zurückgewiesen haben, sich an einem verbrecherischen Projekt zur Sterilisierung der slawischen Bevölkerung zu beteiligen. Der Chef des Reichssicherheitshauptamtes der SS, Ernst Kaltenbrunner, lehnte das Gnadengesuch ab. Am 10. August 1944 wurde Dmitri Timofejew-Resowski in das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz an der Donau deportiert. Drei Monate später wird der 21-Jährige ins Nebenlager Melk abkommandiert. Dort entsteht gerade eine der größten Untertagefabriken der großdeutschen Kriegswirtschaft, Tarnname „Projekt Quarz"; die österreichische Rüstungsfirma Steyr-Daimler-Puch setzte dafür billige KZ-Häftlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen zu Stollenvortrieb und Betonierarbeiten ein. Etwa ab Mitte April 1945 erfolgte die Evakuierung vor den vordringenden alliierten Armeen. Nachweislich gelangte Foma mit einem Transport in das Konzentrationslager Eibensee bei Gmunden am Traunsee; dort entstand eine Raketenfabrik im Berg. Von dort wie auch aus Melk existieren keine Zeugnisse über ihn. Die Eltern blieben über sein Schicksal im Ungewissen. Die amtliche Mitteilung, wonach Foma in Eibensee am 1. Mai 1945 umgekommen ist, erhielt der jüngere Bruder Andrej Timofejew erst 1996.
Am 10. August 1944 wurde Dmitri Timofejew-Resowski in das Konzentrationslager Mauthausen bei Linz deportiert. Drei Monate später wird der 21-Jährige ins Nebenlager Melk abkommandiert. Etwa ab Mitte April 1945 erfolgte die Evakuierung. Nachweislich gelangte Foma mit einem Transport in das Konzentrationslager Eibensee bei Gmunden am Traunsee. Die amtliche Mitteilung, wonach Foma in Eibensee am 1. Mai 1945 umgekommen ist, erhielt der jüngere Bruder Andrej Timofejew erst 1996.