Dmitri Obolenski
Der Humanist
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Historischer Kontext
Im Russischen Reich durfte der Fürstensohn auf eine glänzende Karriere hoffen. Die sozialistische Oktoberrevolution 1917 machte ihn, wie drei Millionen russländische Emigranten weltweit, zum Heimatlosen. In Dresden, wo er seit Mitte der 1920er Jahre im Kreis seiner Familie lebte, fand Dmitri Obolenski eine liberale, für russische Gäste traditionell offene Atmosphäre. Eine Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule kommt nicht zustande, da er weder einen Studienabschluss vorweisen konnte noch gängigen Lehrmeinungen folgte. Während des Zweiten Weltkriegs als Übersetzer in Dresdner Firmen tätig, half er Landsleuten in Gefangenschaft, hörte mit Gleichgesinnten im Büro ausländische Nachrichten und führte aufrührerische Reden, auch gegenüber Vorgesetzten. Im Herbst 1944 wurde er denunziert und verhaftet. Obolenski starb noch vor Prozessbeginn nach Misshandlungen in der Haft. Er wurde nur 50 Jahre alt. "Die Familien beider Eltern von Dmitri Obolenski gehörten zum russischen Adel; ihre Vorfahren hatten wichtige Positionen am Zarenhof inne. Prinzessin Jelisaweta Nikolajewna, gebоrene Saltykowa und Fürst Alexej Dmitrijewitsch Obolenski heirateten 1893. Dmitri wurde 1894 geboren; von vier Geschwistern war er der Älteste. Die Familie lebte in Sankt Petersburg und auf dem Gut Berezitschi bei Kaluga, wo sich eine bekannte russische Glasfabrik im Familienbesitz befand.
Nach der Revolution 1905 machte sein Vater Karriere: Fürst Obolenski übernahm als Oberprokuror des Heiligsten regierenden Synods die staatliche Verwaltung der Russisch-orthodoxen Kirche. Er gehörte dem Staatsrat an und gilt mit dem Ministerpräsident Sergej Witte als Verfasser des „Manifests über die Verbesserung der staatlichen Ordnung“ vom 17. Oktober 1905, das als erste Verfassung Russlands gilt. Ministerpräsident Pjotr Stolypin war ein persönlicher Freund.
Dmitri Obolenski besuchte das deutsche Gymnasium Annenschule und machte dort sein Abitur als einer der Jahrgangsbesten. Die Schule hatte einen modernen Gymnastiksaal. Seine Schwester Anna, verheiratete von Gersdorff, erinnerte sich: „Als junger Mann liebte er Sport, rieb sich mit Schnee ein, wurde nie krank (…)“ Am Pagenkorps bereitete Dmitri sich auf eine Offizierslaufbahn vor und begann an der Petersburger Universität Mathematik zu studieren. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Gardeoffizier teil.
Emigration in Dresden
Nach der Oktoberevolution im Jahre 1917 vorübergehend in Haft, kam Dmitri Obolenski durch Fürsprache von Maxim Gorki frei, der auf das Eintreten seines Vaters gegen Judenverfolgungen im Russischen Reich hinwies. Er blieb in Petrograd und arbeitete in einem Gestüt. 1922 folgte er seinen Eltern, die vor ihm emigriert waren und in Dresden eine Stadtvilla bewohnten. Auch die Schwester Olga von Gersdorff wohnte dort mit Mann und Kindern. Die Familie war glücklich wiedervereint.
In Dresden, bis 1918 Residenz der sächsischen Könige, gab es eine russische Kolonie mit eigenem Gotteshaus, der orthodoxen Kirche des Hl. Simeon. Prominente Mitglieder waren der Komponist Sergej Rachmaninow und der Philosoph Fedor Stepun, Soziologieprofessor an der Technischen Hochschule. Sein Vater Alexej Obolenski, jetzt Vorsteher die Dresdner Gemeinde, schuf mit Hilfe seiner Freunde einen Kulturverein im Netzwerk der russischen Kultur im Exil. Im Dezember 1933 war dort Iwan Bunin zu Gast, der frisch gekürte erste russische Nobelpreisträger für Literatur.
Im Alter von über 30 Jahren versuchte Dmitri Obolenski, seine wissenschaftlichen Studien an der Technischen Hochschule Dresden fortzusetzen. Seine unkonventionellen Ideen, die gängige Lehrmeinungen zur Mechanik infrage stellten, fanden in der Professorenschaft keinen Anklang. Als staatenloser Ausländer ohne abgeschlossenes Studium hatte er ohnehin schlechte Karten. Woran überhaupt hat er gearbeitet? Dmitri Obolenski trug 1934 auf einer internationalen Mathematik-Konferenz in Prag vor; es soll eine japanische Publikation geben, die niemand kennt. Leider ging sein schriftlicher Nachlaß nach 1945 verloren.
Konfliktzonen
Dmitri Obolenski heiratete 1935 Irmgard Elisabeth Kubaschewski, geborene Hirschfeld und gründete einen eigenen Haushalt. Wie seine Frau verdiente er als Sprachlehrer; sein Arbeitsort war die Kriegsschule der Wehrmacht. Hilfreich dürften familiäre und persönliche Kontakte zu sächsischen Adligen gewesen sein, die am Militärstandort Dresden dienten. (Dmitri war befreundet mit einem jungen Offizier Schal-Riaucour, der nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 als Mitverschwörer hingerichtet wurde). Als 1939 der Zweite Weltkrieg begann, verlor er den Job. Er fand Arbeit bei Zeiss-Ikon, im Werk Ica, als Übersetzer in der Patentabteilung.
Als Nazibehörden die Enteignung der orthodoxen Gemeinde beschloßen sowie deren Zwangsvereinigung mit der monarchistischen Belgrader und damit die Trennung von der liberalen Pariser Auslandskirche erzwangen, verließen 1939 viele Gläubige die Dresdner Gemeinde, so auch das Ehepaar Stepun und Dmitri Obolenski.
Undeutsches Verhalten
Dmitri Obolenski sprach fließend Russisch, Deutsch, Französisch und Englisch. Im Patentbüro tauscht er sich mit einem Deutschen und einem österreichischen Kollegen über Politik aus, vorsichtshalber auf Französisch. Der Vorgesetzte deckt seine Mitarbeiter, andere Kollegen kritisieren das „undeutsche Verhalten“. Die drei Kollegen hören auch fremdsprachige Nachrichten ab, um sich über den tatsächlichen Kriegsverlauf zu informieren – eine strafbare Handlung. Schwester Olga machte sich Sorgen um Dmitri: „Mein Bruder pflegte wütende Diskussionen mit einem seiner Kollegen in der Fabrik zu führen. Mehr als einmal hörten wir, wie er über Dinge diskutierte und sprach, die als erniedrigend für Deutschland angesehen werden konnten. Wir haben ihn gewarnt. Er wurde vorsichtiger, obwohl er sich über das Regime stark erregte und insbesondere über die Art und Weise, wie man die Gefangenen und russische Arbeiter behandelt hat.“ Alle Betriebe in Deutschland, so auch das Ica-Werk, beschäftigten Zwangsarbeiter aus besetzten europäischen Ländern, vermutlich auch sogenannte Ostarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene. Nach Stalingrad sagte Dmitri dem neuen Vorgesetzten ganz offen, der Krieg sei für Deutschland verloren. Daraufhin wurde er freundlich gebeten, seine Kündigung einzureichen.
Das erlaubte ihm, sich erneut zu bewerben. Anfang 1944 stellte ihn die Mimosa AG, ein Hersteller für Fotopapier, in ihrer Patentabteilung ein. Nach einer Denunziation wurde er dort am 6. Oktober 1944 verhaftet. Der Vorwurf: staatsfeindliche Äußerungen gegenüber anderen Beschäftigten. Nach 1945 berichtete die Firmenleitung der Witwe von einer regelrechten Verschwörung: mehrere Kollegen, treibende Kraft war der NSDAP-Betriebsobmann, hätten Dmitri Obolenski bei der Gestapo angezeigt.
Unmenschliche Haftbedingungen
Nach zweiwöchiger Vernehmung im Polizeigebäude Schießgasse wurde der Verdächtige vom dortigen Polizeigefängnis in die Untersuchungshaftanstalt am Landgericht, George-Bähr-Straße, überführt. Ein Mitgefangener berichtete, Obolenski habe einen Wärter angezeigt, der Todeskandidaten im Landgericht, wo auch Hinrichtungen stattfanden, unwürdig behandelte.
Seine Akte blieb nicht erhalten, der Fall ist damit nicht mehr rekonstruierbar. Nach Dr. Birgit Sack, Leiterin der Gedenkstätte am Münchner Platz in Dresden, musste Dmitri Obolenski mit einer Anklage wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ rechnen. Der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof gab seinen Fall an die Dresdner Staatsanwaltschaft ab. Darum erfolgte Anfang 1945 die Verlegung in die Haftanstalt Mathildenstraße. Dort teilte Obolenski die Zelle mit deutschen Kommunisten, denen er Russischunterricht erteilte. Dann erlitt er einen körperlichen und psychischen Zusammenbruch. Aufgrund seines Zustandes kam er am 8. Februar 1945 ins Johannstädter Krankenhaus, wo er am 10. Februar 1945 seinen Verletzungen erlag. Beim Krankenbesuch erfuhr seine Frau von ihm, was geschehen war: „Man hatte ihn als Opfer ausgewählt, weil er Russe war und ihm verboten zu schreiben. Er wurde in ein ungeheiztes Gefängnis ohne Bett und Bettgestell verlegt. Sie hatten ihn geschlagen. Als er hohes Fieber bekam, ließen sie ihn auf dem schmutzigen Boden liegen.“ Anna von Gersdorff erinnerte sich 1968 auch an ihre letzte Begegnung: „Ich werde nie dieses dünne Gesicht vergessen, das sehr klein geworden war, unrasiert, mit einer großen Stirn, einer spitzen Nase: das Gesicht eines Märtyrers....
Anerkennung und Erinnerung
In der Sowjetischen Besatzungszone und später in DDR war Dmitri Obolenski als Opfer des Faschismus anerkannt. Am 8. Mai 2025 wurde für ihn in Dresden ein Stolperstein verlegt.