Alexander Neroslow
Maler
Historischer Kontext
Der Sohn eines Reeders aus Sankt Petersburg Alexander Neroslow kam vor 1914 zum Architekturstudium nach Dresden und wurde Künstler. Er gehörte zur lebendigen linken Kunstszene der Elbmetropole und war Mitbegründer der kommunistischen Künstlervereinigung ASSO. Als Staatenlose und ohne Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands zu sein, unterstützten er und seine Frau Gertrud ab 1933 illegale Aktionen kommunistischer Künstlerfreunde. Beide wurden Anfang 1941 als Mitglieder der „Gruppe Karl Stein und Genossen“ verraten und im März 1942 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Am 8. Mai 1945 im Zuchthaus befreit, trat Alexander Neroslow der Kommunistischen Partei Deutschlands bei und beteiligte sich in Ostdeutschland am sozialistischen Aufbau. Er lehrte an der Leipziger Kunsthochschule in den Jahren 1952-1955 und lebte zuletzt als freiberuflicher Maler auf dem Darß. "Aufgewachsen in Sankt Petersburg mit acht Geschwistern in der Familie des Reeders Wassili Neroslow, dessen Dampfschiffe Holz vom Ladogasee über die Newa in die Hauptstadt des Zarenreichs transportierten. Mutter Pelagie, geborene Kondratjewa, war Tochter eines Arztes. Als Gymnasiast nahm Alexander Neroslow an der Russischen Revolution von 1905 teil: in der „Zehner-Straßenkampfgruppe“ seines Schwagers, Mitglied der Partei der Sozialisten-Revolutionäre, half er bei der Beschaffung von Jagdgewehren, beim Gießen von Kugeln und Stopfen von Patronen; der 14-Jährige wurde auch als Kundschafter eingesetzt. Nach dem Abitur 1910 studierte er zwei Semester zur Allgemeinbildung an der Petersburger Universität, kam dann nach Deutschland, wo er ab Oktober 1911 an der Technischen Hochschule in Dresden ein Architekturstudium begann. Einer seiner Brüder hatte dort ein Ingenieurstudium absolviert.
Sachsen und Russland pflegten seit Jahrhunderten enge Kontakte. Zar Peter der Große besuchte die Residenzstadt Dresden, Wissenschaftler Michail Lomonossow studierte an der Bergakademie in Freiberg. Der Romantiker Caspar David Friedrich fand russische Bewunderer und Käufer seiner Gemälde, Fjodor Dostojewski himmelte die „Sixtinische Madonna“ von Raffael an, das Glanzstück der weltberühmten Dresdner Gemäldegalerie. Alexander Neroslow entdeckte in Dresden seine Liebe zur Kunst und wurde Landschaftsmaler.
Der Erste Weltkrieg förderte seine Berufswahl: als feindlicher Ausländer von der Studentenliste gestrichen, überlebte Alexander Neroslow das Gemetzel in Deutschland. In Meißen, wo er als Zivilgefangener interniert war, begegnete er dem Maler Lasar Segall, Absolvent der Kunstakademie und 1919 Mitbegründer der Dresdner Sezession. Alexander Neroslow begann, intensiv zu zeichnen und zu malen. Nach Kriegsende nahm er in Berlin privaten Malunterricht unter anderem bei Louis Corinth.
Kunstszene Dresden 1920er Jahre
Von 1918 an lebte Alexander Neroslow in Dresden, ab 1920 verheiratet mit der Sprachlehrerin Gertrud Meissner aus Wien. Beide besaßen einen Nansenpass, einen Reisepass für Staatenlose und Emigranten. Seit 1922 wirkte er als freischaffender Künstler, beteiligte sich an Ausstellungen in Dresden wie der Großen Kunstausstellung 1924; das Stadtmuseum Dresden erwarb 1924–1933 einige Aquarelle des Autodidakten. Alexander Neroslow profilierte sich als Landschaftsmaler und Porträtist im neusachlichen Stil. Er verkaufte wenig, verdiente als Kopist in der Gemäldegalerie und mit Restaurierungs-Aufträgen hinzu.
Als Vorsteher der russischen Bibliothek in Dresden kam er mit sowjetischen Studenten in Kontakt. Er trat der „Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland“ bei, die sich für deutsch-sowjetischen Austausch in Wissenschaft und Kultur einsetzte. Viele Künstler, die er in Dresden kannte, waren Mitglieder der kommunistischen Partei, so auch Otto Dix und Hans Grundig. Alexander Neroslow gründete 1929 mit solchen Gleichgesinnten die Dresdner ASSO, nach Berlin die größte Gruppe der Assoziation revolutionärer bildender Künstler, welche die Kommunistische Partei propagandistisch unterstützte.
Zwischen den Stühlen
Der Dix-Schüler Miron Sima, auch er aus dem Russischen Reich (später Gerichtszeichner im Jerusalemer Eichmann-Prozess), forderte ihn auf, Russisch-Unterricht für Arbeiter zu erteilen; in der Weltwirtschaftskrise suchten viele Beschäftigung in der Sowjetunion. Neroslow unterrichtete in der marxistischen Arbeiterschule und beantragte im Herbst 1932 in der Botschaft Unter den Linden die sowjetische Staatsbürgerschaft. Im November 1934 wurde dies abgelehnt mit der Aufforderung, es in Jahresfrist erneut zu versuchen. Mittlerweile übten die Nazis politischen Terror aus; Künstlerfreunde kamen in Haft in die Konzentrazionslager. Die Neroslows blieben verschont, da ihnen als Staatenlosen der gewünschte Beitritt zu Kommunistscue Partei Deutschlands verwehrt worden war." "Illegale Aktivitäten
Trotzdem beteiligten Gertrud und Alexander Neroslow sich ab 1933 auf vielfältige Weise an kommunistischen Widerstandsaktionen. In ihrer Wohnung lagen Bücher und Zeitschriften linker Exilverlage aus, die etwa in Prag gedruckt und von befreundeten Genossen über die deutsch-tschechische Grenze geschmuggelt worden waren. Das Ehepaar besorgte verhafteten Genossen Anwälte, die Alexander Neroslow auch mit seiner Kunst bezahlte. Als das Künstler-Ehepaar Fritz und Eva Schulze 1934 aus dem Konzentrazionslager Hohnstein freikam, druckten und verkauften die Freunde kleinformatige Holzschnitte mit unpolitischen Motiven; der Erlös kam verfolgten Genossen zugute.
Alexander Neroslow wurde Mitglied der Reichskulturkammer, Existenzvoraussetzung für sein freiberufliches Kunstschaffen. Bis 1941 nahm er an Gruppenausstellungen teil.
Bis 1938, als Deutschland das Sudetenland besetzte und die illegalen Grenzgänge aufhörten, unterstützte Alexander Neroslow die sächsische Widerstandsgruppe „Verein Kletterer Abteilung“, die über die Sächsische Schweiz und im Riesengebirge agierte und Verbindung zur Auslandsführung der Kommunistische Partei hielt. Alexander Neroslow beschaffte Kleidung für Grenzgänger und sammelte ab 1936, wiederrum angeregt durch Fritz Stein, im Freundeskreis Spenden zur Unterstützung der Volksfrontregierung im spanischen Bürgerkrieg. Bei den Neroslows trafen sich Gleichgesinnte, um am Radio ausländische Nachrichten zu hören; Alexander übersetzte, was der Moskauer Sender über „Rotspanien“ berichtete. Seit Kriegsbeginn verfolgte er deutschsprachige Sendungen aus London.
Gestapoverhöre
Die Widerstandgruppe „Karl Stein und Genossen“ wurde verraten, etwa 40 Personen kamen in Haft. Alexander und Gertrud Neroslow wurden am 11. Februar 1941 festgenommen. Nachdem die Durchsuchung ihrer Wohnung nichts Belastendes zutage gefördert hatte, konnte die Gestapo auch bei mehreren Vernehmungen des Künstlers nur wenig Verwertbares ermitteln. Die erhaltenen Protokolle dokumentieren, wie Alexander Neroslow sich und seine Frau zu retten versuchte. Er räumte ein, was nicht zu leugnen war und präsentierte plausible Erklärungen für sein Verhalten: „Mich interessierte zu hören, was Moskau sagte.“ Seine Worte scheinen klug gewählt, wenn er bekennt: „In Anwesenheit der vorgenannten Personen wurde bei uns so eine Art Salonbolschewismus betrieben.“ Etwas Selbstkritik und eine Brise Humor konnten vielleicht nicht schaden! Gefragt, ob auch seine Frau vor dem Radio saß, antwortete er: „Sie lag im selben Zimmer im Bett, wenn ich abhörte. Ob sie von den Nachrichten etwas gehört hat, nehme ich kaum an, da sie immer schnarchte.“
Zuchthaus Waldheim
Für illegale Aktionen drohten drakonische Strafen, zumal im Wiederholungsfall; unter Kriegsbedingungen kamen weitere Anklagepunkte hinzu. Am 13. März 1942 verurteilte ein Volksgerichtshof, der im Dresdner Landgericht tagte, drei Genossen der Gruppe, darunter Stein und Fritz Schulze, unter anderem wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode; Gertrud und Alexander Neroslow erhielten lebenslange Haftstrafen. Im Zuchthaus Waldheim wurde Alexander Neroslow, laut Zuchthausakte „Russe“ mit „griechisch-katholischem“ Glaubensbekenntnis, korrekt behandelt. Er durfte Bücher bestellen und sonntags malen. Seine Mappe lagerte bei der Aufsicht, die sich daraus bediente.
Nach der Befreiung traten Gertrud und Alexander Neroslow dem Gefangenenkomitee bei, das die Selbstverwaltung der Haftanstalt organisierte. So gelangte er an seine Zuchthausakte, die im Familienbesitz verblieb. Heute gehört sie zur Sammlung der Gedenkstätte am Münchner Platz in Dresden, im Gebäude des Landgerichts, wo die NS-Justiz ihn, seine Frau und deutsche Freunde für ihren Widerstand verurteilt hatte.